Detektivarbeit
Die Zischlaute und die überlagerten Verzerrungen schienen allzu
typisch für mp3, so daß wir probehalber Without You"
aus dem Internet geladen haben, ebenfalls mit 128kBit/s. Die
Unterschiede waren durchaus recht deutlich: Weniger Zischen,
dafür jedoch deutlich dunkler und durch die Impulse am Anfang
des Stücks schien die Raumabbildung instabil. Unter dem Strich
empfanden diese Version einige Hörer als etwas angenehmer,
jedoch könnte auch die Originalaufnahme bereits eine andere
gewesen sein, denn bei unserer CD Music Box" ist die
Aufnahme auffallend hell. Der Blick auf das Frequenzspektrum
machte alles dann auch schlagartig klar: Original und eigene
mp3-Version stimmen weitgehend überein, während bei der
Internet-Version die Höhen ab ca. 15kHz radikal beschnitten
sind. Ein weiterer Querscheck wurde durch Erhöhung der Bitrate
auf 256kBit/s vollzogen. Die Kompression beträgt dann nur noch
5,5-fach, wobei die die Klangqualität etwa in der Mitte zwischen
CD-Original und der 128er-Version liegt, aber noch nicht ganz an
die Analogüberspielung heranreicht. Dies gilt auch für die
meisten anderen Enkoder, welche jetzt genau untersucht wurden.
Dabei zeigte sich doch Verblüffendes: Einige waren CDex sehr
ähnlich, manche rauschten etwas mehr und der LAME-Enkoder konnte
sich gehörmäßig meist klar absetzen, wobei dieser - wie schon
bei den Testsignalen - stets schon sehr nah an der CD war, z.T.
mit leichten Höhenabfall. Die Unterschiede zwischen den Enkodern
sind oft größer als die beim Wechsel auf 256kBit/s. Bei allen
Enkodern wurde, soweit möglich die bestmögliche Qualität
eingestellt, schließlich sollte man bei jeder Aufnahme Sorgfalt
walten lassen. Ansonsten wurden keine Zusatzoptionen aktiviert.
Ansonsten wurden keine Optionen aktiviert, meist sind
diese intern ohnehin bereits für 128kBit/s optimiert. Vor allem
bei Bitraten unter 64kBit/s (kein Hifi!) kann man durch Zusatzoptionen
noch einige Klangverbesserungen erzielen.
Der Dekoder ist meist unkritischer und auch
weniger rechenleistungsintensiv. Allerdings bewirkte der
Dema-Player tieferfrequente Verzerrungen bei 256kBit/s, bei
128kBit/s waren die untersuchten Dekoder praktisch gleichauf. Die
Überprüfung der Mahler-Aufnahme mit 128kBit/s und 256kBit/s
brachte ähnliches, allerdings waren die mp3-Störungen hier
weniger auffällig und bei der höheren Bitrate ohnehin nur noch
minimal. Ursache ist wohl, daß zwar die Dynamik der Aufnahme
sehr groß ist, aber der Orchestermusik fast generell die
berechtigte Hoffnung besteht, daß durch Verdeckungseffekte die
Komprimierung tatsächlich kaum hörbar ist. Bei keiner Aufnahme
ergab sich allerdings die Einschätzung, daß die mp3-Version
angenehmer oder gar besser ist als die CD.
Durchaus möglich sind auch Unterschiede zwischen dem Abspielmodus
(Echtzeitbetrieb) und dem Konvertierungsmodus, da bei letzterem intern
problemlos aufwendigere Algorithmen eingesetzt werden können.
Daß auch sehr gute
Enkoder keine Wunderdinge bewirken können, zeigte der
LAME-Enkoder bei der Liszt-Aufnahme. Bei 64kBit/s wurde das
Klangniveau auf Anfang der 70er Jahre gedrückt: dumpft, vor
allem bei lauten Impulsen, aber immerhin ohne extreme Artefakte, ähnlich
wie bei einer Analogkassette. MusicMatch mit dem FhG-Enkoder
dagegen bewirkte bei dieser Bitrate ein erhebliches Klirren bei
lauten Anschlägen. Bei der Aufnahme von Maria Carey war das Klangniveau bei
64kBit/s noch deutlich schlechter, bestenfalls den 50er entsprechend.
Zu guter Letzt wurde auch noch durch Absenken um den Faktor 8
bzw. 32 und anschließendes Multiplizieren auf Originalniveau die
Aufnahme so manipuliert, daß sie nur noch einer Auflösung von
linearen 13 bzw. 11 Bit entsprach, statt der ursprünglichen 16
Bit. Auch diese 13Bit-Qualität war noch klar besser als mp3,
wenn auch die 11-Bit-LowFi"-Version ein
analog-ähnliches, sehr deutliches Rauschen aufweist. Das heißt
nun allerdings nicht, daß man bei der CD 13 Bit auch ausgereicht
hätten, schließlich ist der Rest der Signalkette weiterhin auf
16-Bit-Niveau. Die Speicherplatzersparniss durch einfache
Auflösungsreduzierung ist allerdings nur sehr gering, verglichen
mit der von mp3, und verlustfreie Kompressionsverfahren bringen
in der Audiotechnik recht wenig (ca. 30%, je nach Musikstück),
wesentlich weniger als beispielsweise bei Graphiken. Auffällig
auch, daß einige CDs, darunter z.B. die Mahleraufnahme, selbst
an den lautesten Stellen noch weit unter dem Maximum bleiben und
so leider Auflösung verschenken.
Insgesamt war interessant, daß mit mp3 durchaus neuartige
Klangverfälschungen auftreten, wie man sie von Analoggeräten
oder der CD nicht kennt. Diese stören vor allem immer dann, wenn
die von mp3 ausgenutzen Verdeckungseffekte der menschlichen
Wahrnehmung nicht ausgenutzt werden können.
Gespannt waren wir nun auf die Ergebnisse beim Abhören über
Lautsprecherboxen. Schlieslich fallen hier Rauschen und kleine
Störgeräusche weniger auf. Genau dies bestätigte die Praxis:
Man hörte zwar noch leichte Verfälschungen durch mp3, aber es
war - bei einem Vorabtest mit billigen Boxen - mehr die
Erkenntnis, daß es diese gibt, als daß man sie man wie beim
Kopfhörer genau beschreiben konnte. Dies gilt z.B. auch für die
leichten Übersteuerungen beim Original der Beethovenaufnahme.
Über durchschnittliche Lautsprecher waren die Unterschiede vor
allen bei der Sprachaufnahme und bei Tom Jones minimal. Dabei
spielt allerdings auch die Abhörlautstärke eine wichtige Rolle:
Je lauter, desto eher kann man Störungen erkennen und
beschreiben. Mitunter sind die mp3-Verfälschungen auch schwer
von Klängen im Original zu trennen, wie z.B. bei der 4.
Sinfonie. Hier klingen die Blechbläser auch nicht immer rein,
ähnliches gilt insgesamt auch für die Tom Jones Aufnahme.
Dem Lautsprecher-Blindtest wurde nun entgegen gefiebert. Nach
soviel Vorarbeit blieben Überraschungen jedoch aus: Wieder
konnten mp3-Aufnahmen am Klirren bei Impulsen leicht
identifiziert werden und auch schwierige Fälle waren wieder
dieselben: Tom Jones, Mahler und Tschaikowskys Vierte. Das die
guten Prozentzahlen vom Kopfhörerdurchgang voll erhalten
blieben, war dagegen ein bisschen Glück und mittlererweile
Trainingserfahrung. Speziell die doppelt kodierten mp3-Aufnahmen
waren meist leicht zu erkennen.
Eines hat sich damit gezeigt: Man benötigt um die Fehler durch
mp3 zu hören keine High-End-Anlage, sondern eine der gehobenen
Mittelklasse genügt. Der CD-Player ist dabei noch relativ
unkritisch, denn die mp3-Artefakte konnten auch direkt am PC per
Soundkarte und Kopfhörer problemlos erkannt werden.
Abschließend sollte nach soviel DDD und HiFi auch mal untersucht
werden, wie schlecht eine Aufnahme sein darf, damit sie durch mp3
sicher nicht verschlechtert wird. Dazu wurde die erste Minute aus
I Only Wanna Be With You" von Dusty Springfield aus
dem Jahre 1963 untersucht. Aber siehe da: Ein leichter
Höhenabfall und Klopfgeräusche störten diesmal die Aufnahme
bei nicht-optimaler Software. Mehr oder weniger stark waren
diesmal je nach Enkoder das Zischeln, beim NexEncoder störte
dagegen das Hintergrundrauschen. Wirklich der CD gleichwertig ist
mp3 also auch hier nicht a priori wenn auch der Nicht-HiFi-Hörer
zufrieden sein kann und gute Dekoder/Enkoder schon fast perfekt
arbeiten. Weitere Beispiele aus dem Internet (z.B.
Mädchen" von Lucilectric, auch keine klangtechnisch
gute Aufnahme, Block Buster" von Sweet u.v.a.) zeigten
ähnliches: Im günstigen Fällen waren nur die Impulse etwas
verschmiert und die Dynamik etwas reduziert, es gab aber auch
Songs mit etlichen Kodierfehlern, bei denen der Enkoder
offensichtlich überfordert war (z.B. Eine Insel mit zwei
Bergen" von Dolls United). Zwar garantieren auch andere
Standards wie CD oder Kompaktkassette kein wirkliches
Minimalniveau oder gar ein einheitliches Klangniveau, daß dies
auch für die Softwarelösung mp3 gilt zeigte sich auch hier.
Rückkopplung
Nach den aufwendigen Hörtests mit insgesamt 3 CDs ist der
Vergleich zu den beiden durchgeführten objektiven Messungen
interessant. Im Falle von mp3 war, trotz der im Vergleich zu
Musik eigentlich primitiven Testsignale, die Korrelation
eindeutig: Hervorragend war z.B. die Korrelation der
2-Ton-Messung mit den Höreindrücken z.B. bei der Klaviermusik:
Pro mp3-Geschwindigkeitsstufe in CDex verbesserte sich der
Signal-Rausch-Abstand um ca. 5dB, und auch beim Hörtest ging das
Klirren bei mp3 Schritt für Schritt zurück. Der objektiv beste
Enkoder LAME konnte sich auch gehörmäßig problemlos
durchsetzen. Als weitere Referenz wurde bei den Testsignalen auch
der Fraunhofer-Enkoder MP3ENC eingesetzt. Beim 2-Tonsignal war
der Rauschabstand etwas schlechter als bei LAME, bei den Pulsen
war er noch etwas sauberer. Leider ist die Demoversion auf 30s
beschränkt und arbeitet recht langsam. Der Encoder aus MusicMatch
arbeitet zwar laut Aboutbox und Hotline ebenfalls mit dem FhG-Enkoder,
jedoch scheint hier im günstigsten Fall die Geschwindigkeit auf Kosten
der Qualität optimiert worden sein. Die Dokumentation der
vielfältigen Optionen zum LAME-Enkoder zeigt, daß man hier viele
Möglichkeiten hat die Software zu trimmen, vielleicht zu viele?
Bei anderen Komponenten ist das Verhältnis nicht immer so eindeutig: Bei Lautsprechern gibt es nicht einmal eine eindeutige reproduzierbare Referenz und bei Verstärkern kann auch die Last einen starken Einfluß ausüben. Trotzdem ist ein Hörtest unbedingt sinnvoll und aussagekräftig, denn wie sich das Ausmaß der Verzerrungen tatsächlich auswirkt kann leider" nicht anders erfaßt werden, so weit ist die Psychoakustik noch nicht. Auch können die mp3-Auswirkungen stark vom Musikstück abhängen. Eine komplette Rangfolge der Enkoder festzulegen war hier weniger das Ziel, wenn alle kostenlos oder preiswert sind, nimmt man eben den besten. Zum Teil wird die Qualifizierung auch erschwert: Das 128kBit/s-Ergebnis des LAME-Enkoders wurde mit verschiedenen Dekodern untersucht und es zeigten sich keine hörbaren Unterschiede. Beim Musicmatch-Enkoder dagegen bewirkte der Dema-Player Verzerrungen. Solche Unverträglichkeiten gibt es zwar auch bei Analoggeräten, beispielsweise bei Lautsprecherboxen mit extremen Impedanzen, aber bei Softwareprodukten sind die Wechselwirkungen u.U. noch komplexer.
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Copyright © 2000 Stephan Weber. Alle Rechte vorbehalten.
Stand: Dezember 08, 2000.